Brief des Abiturjahrgangs an das Bildungsministerium

Die Schülersprecherin der Lornsenschule, Finja Marten, verfasste im Namen der Abiturient*innen der Lornsenschule und der Domschule folgenden Brief an das Bildungministerium.

Schleswig, 27.03.2020

Sehr geehrte Damen und Herren,

das Bildungsministerium hat gerade wieder einmal eine aktualisierte Terminplanung für das Abitur 2020 veröffentlicht.
Die Bekanntgabe der neuen Prüfungstermine wollen wir - als betroffene AbiturientInnen - uns nun zum Anlass nehmen und auch einmal unsere Perspektive mit einbringen.
Grob zusammengefasst: Wir fühlen uns im Stich gelassen.
In allen Medien wird über das Corona-Abitur berichtet. Darüber, dass das Abitur dieses Jahr nicht gleichwertig zu dem Abitur anderer Jahrgänge sein wird. Wir sind nicht nur ein Jahrgang, der zufällig seinen Bildungsabschluss zu einem ungünstigen Zeitpunkt macht. Wir sind Menschen.
Junge Menschen, die gerade vor der bisher wichtigsten und vor allem auch entscheidendsten Prüfung in ihrem Leben stehen. Das Abitur ist nicht nur eine Prüfung, mit der wir unsere Schulzeit abschließen, es ist viel eher die Eintrittskarte in unser weiteres Leben. Der NC ist ausschlaggebend, welches Fach wir studieren dürfen, wie das weitere Leben aussehen wird. Und unter dem Bewusstsein dieser enormen Relevanz für unsere Zukunft setzen sich viele Schülerinnen und Schüler vor den Abiturklausuren einem starken psychischen Druck aus.

13.03.2020: Zwei Wochen vor unserer Profilfachklausur, gerade einmal 5 Tage vor den mündlichen Prüfungen in Englisch - Prüfungen, von denen es bis dahin geheißen hat, es würde alles versucht werden, damit diese stattfinden können – wurde die Schließung der Schule angeordnet und:
„Alle Abschlussprüfungen, insbesondere die Abiturprüfungen, werden auf die vorgesehenen Alternativtermine (Nachprüfungen) nach den Osterferien verlegt.“
Diese Entscheidung hat uns alle überrascht, aber unter Betrachtung der Infektionszahlen war dies natürlich die richtige Entscheidung. Die Gesundheit eines Menschen hat immer an erster Stelle zu stehen!
Uns wurde versichert: „Die Schülerinnen und Schüler sollen keine Nachteile aus der jetzigen Ausnahmesituation haben.“
Diese Aussage haben wir uns als Mantra gesetzt. Wir sind davon ausgegangen, dass diese spezielle Situation für alle neu ist und dass nach der den Umständen entsprechend besten Lösung der auftretenden Probleme gesucht wird.

24.03.2020: Wir bekamen die Nachricht, dass dieses Jahr voraussichtlich keine Abiturklausuren stattfinden werden. Allein die Tatsache, dass die Politik diese Möglichkeit ernsthaft in Betracht zieht und die Entscheidung darüber am kommenden Tag fallen soll, hat bei uns SchülerInnen zu enormer Verunsicherung geführt. Einige waren erleichtert, da eine große Last in dieser schweren Zeit von den Schultern genommen wurde. Andere waren enttäuscht und haben ihre Chance auf ein besseres Abitur verpuffen sehen. Allein dieser Tag war voller Emotionen. Wir haben uns darauf eingestellt, nicht mehr lernen zu müssen und uns auf andere Dinge konzentrieren zu können.

25.03.2020: Doch Abiturprüfungen. Die ganze emotionale Achterbahnfahrt, die wir in den letzten Stunden durchleben mussten, war vollkommen überflüssig. Das Loch, in welches wir nun hineingefallen sind, umso größer.

Und nicht nur, dass wir jetzt doch unser Abitur schreiben werden, die Klausuren sollen jetzt auch noch an den ursprünglich gedachten Terminen stattfinden (Stand 27.03.2020).
Alles, worauf wir uns in den letzten Wochen einstellen konnten, ist komplett sinnlos gewesen.
„Für die Schülerinnen und Schüler in Schleswig-Holstein und in ganz Deutschland konnten wir (…) endlich die Klarheit schaffen, die sie brauchen, um sich gut auf ihre Prüfungen vorzubereiten."
Nein! Unabhängig davon, ob die Entscheidung, Abiturprüfungen stattfinden zu lassen, nun für den einzelnen Schüler gut oder schlecht ist – Das letzte, das wir durch diese vielen Richtungswechsel bekommen haben, ist Klarheit. Unsicherheit und Ungewissheit sind das, was wir den Umständen zu verdanken haben.

Wir sollen keine Nachteile durch diese spezielle Situation haben. Doch dafür ist es bereits viel zu spät:

1) Emotionale Belastung:
Neben dem Abiturstress leiden wir, nicht anders als andere Menschen, unter den aktuellen Umständen. Fast jeder hat Risikopatienten in der Familie oder im Freundeskreis. Einige gehören sogar selbst der Risikogruppe an. Eltern arbeiten in Berufen, die zwar individuell existenzrelevant, aber nicht systemrelevant sind und sie somit in Kurzarbeit gehen müssen oder gar ihren Job verlieren. Viele haben also nicht nur Angst um das gesundheitliche, sondern auch um das finanzielle Wohl. Existenzängste neben dem Abistress – nicht unbedingt förderlich für eine gute Vorbereitung.

2) Fehlende Vorbereitungszeit:
„Die AbiturientInnen sollen mal den Ball flach halten. Zwei Wochen extra Lernzeit durch die Coronaferien, diesen Luxus hat nicht jeder.“ - Solche Bemerkungen bekommen wir zu hören.
Doch diese zwei Wochen konnten nicht effizient zum Lernen genutzt werden. Unabhängig davon, dass wir auch ganz andere Sorgen als unser Abitur haben, ist die Lernatmosphäre momentan nicht mit normalen Umständen vergleichbar. Die Kommunikation mit den Lehrkräften sollte zwar per E-Mail ermöglicht werden, doch mit richtigem Unterricht, den man sich insbesondere in den Kernfächern kurz vor den Abiturklausuren gewünscht hätte, ist die aktuelle Situation nicht vergleichbar. Die Medienkompetenz der Lehrkräfte weist sehr starke Unterschiede auf. Das Internet ist überlastet, nicht jeder hat die gleichen technischen Voraussetzungen und die Möglichkeit sich zu Hause ungestört vorzubereiten. Das Treffen in Lerngruppen ist untersagt, Nachhilfestunden können nicht mehr stattfinden und Eltern können bei Fragen meist auch nicht mehr helfen. Viele sind vollkommen auf sich allein gestellt.
Manche von uns arbeiten neben der Schule in systemrelevanten Bereichen, zum Beispiel in Supermärkten. Dort fällt aufgrund von Covid-19 nun mehr Arbeit an. Einige SchülerInnen müssen somit mehr Zeit mit Arbeit verbringen (leisten ihren Teil, um das System aufrecht zu erhalten!) und diese Zeit fehlt nun auch zum Lernen. Wie soll man sich auf die Abi-Vorbereitung konzentrieren, wenn sämtliche Struktur im Alltag verloren geht und selbst der Staat überfordert wirkt?

3) Abstände zwischen den Klausuren:
  - Di, 21. April 2020        Profilfächer
  -
Fr, 24. April 2020        Kernfach-Fremdsprachen
  - Do, 30. April 2020       Kernfach Deutsch
  - Di, 05. Mai 2020         Kernfach Mathematik

Insbesondere mit den Profilfachklausuren ist häufig viel Vorbereitungszeit verbunden. Ein Jahr lang haben wir uns darauf eingestellt, erst die mündlichen Prüfungen in Englisch zu absolvieren, dann die Profilklausur zu schreiben und anschließend genügend Zeit für die gesonderte Vorbereitung der anderen Klausuren zu haben. Jetzt, da alle Prüfungen auf die Zeit nach den Ferien fallen, wird uns viel Zeit zum Lernen genommen.

4) Gesundheit:
Zwei Wochen vor unserem ursprünglichen Klausurtermin im Profilfach hat das Gesundheitsministerium den Schulen (zwecks Corona-Eindämmung) untersagt, die Prüfungen stattfinden zu lassen. Das gesundheitliche Risiko war anscheinend zu groß, als dass man das Wohl der Schülerinnen und Schüler und das ihres sozialen Umfelds riskieren wollte. Zu dem Zeitpunkt sind die Infektionszahlen in Schleswig-Holstein doch aber noch viel geringer gewesen, als es in 3 Wochen wahrscheinlich der Fall sein wird. Sollten wir uns nicht gerade deswegen noch mehr Sorgen um unsere Gesundheit machen? Viele haben Angst sich zu infizieren oder bereits Virusträger zu sein und Risikopatienten unbemerkt anzustecken. Auch wenn der Sicherheitsabstand zwischen den Tischen eingehalten werden kann, wie sieht das denn mit den Türklinken oder den Toiletten aus?

Die laufende online-Petition aus Hamburg zeigt den enormen Missmut der Schülerinnen und Schüler deutschlandweit.

Wir wollen nicht der Corona-Jahrgang sein, der sein Abitur geschenkt bekommen hat. Wir wollen aber auch keinen Nachteil im Vergleich zu anderen haben.
Das Abitur ist nie gerecht. Aber dieses Jahr erreicht diese Ungerechtigkeit eine ganz andere Qualität als die Jahre zuvor. Nicht nur, dass die Vergleichbarkeit zwischen den einzelnen Bundesländern nicht mehr existiert, sondern auch, dass die Vergleichbarkeit zu Jahrgängen vor und nach uns nicht mehr möglich sein wird.

Wir finden, dass die Stimme der SchülerInnen in letzter Zeit viel zu kurz kommt, obwohl doch gerade wir es sind, die Gehör finden sollten.
Wir wissen, dass diese Situation aktuell für jeden schwierig ist und dass versucht wird, eine bestmögliche Lösung zu finden. Nur sollte diese Entscheidung nicht nur die naheliegendste, sondern bitte auch die richtige Entscheidung sein, die dem gesundheitlichen Schutz der Menschen förderlich und nicht abträglich ist.
Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz hat gesagt: „Für sie (die Schülerinnen und Schüler) ist es besonders wichtig, dass sie jetzt Planungssicherheit haben, gleichzeitig steht ihre Gesundheit für uns an erster Stelle.“
Wir hoffen nur, dass wir uns diesmal auch tatsächlich auf diese Aussage verlassen können und es nicht einen Tag vor der ersten Klausur heißt, dass nochmal alles verschoben wird. Aber vor allem hoffen wir auf Gerechtigkeit. Bitte haben Sie bei der Auswahl der Klausuren im Hinterkopf, unter welchem Ausnahmezustand die Vorbereitung stattfinden musste.

Nachtrag (28.03.2020):
Wir möchten uns von Herzen für Frau Priens Entschuldigung bedanken. Sie sind sich offensichtlich unserer Sorgen bewusst und die Tatsache, dass Sie Ihre Fehler eingestehen, finden wir bemerkenswert. Nur leider ändert Ihre Entschuldigung nichts an unserer Situation. Wir fordern weiterhin einen gerechten und verantwortungsvollen Umgang mit der aktuellen Situation.

Vielen Dank!
Bleiben Sie gesund!

Mit freundlichem Gruß

Finja Marten

Schülersprecherin der Lornsenschule
(stellvertretend für die AbiturientInnen der Schleswiger Gymnasien Lornsenschule und Domschule)